Ein Kultbuch ist zurück

Im Interview mit dem Künstler Hans Ticha

Vor 29 Jahren, kurz vor Ende der DDR, erschien im Aufbau-Verlag eine illustrierte Ausgabe von Karel Čapeks Der Krieg mit den Molchen. Kurze Zeit später nahm die Büchergilde den Titel in Lizenz. Über die bewegte Entstehungsgeschichte des Buches und die aufwendige Gesamtgestaltung spricht Hans Ticha im Interview.

Die Editionsgeschichte dieser Ausgabe, erstmals erschienen 1987 beim Aufbau Verlag und von der Büchergilde in Lizenz genommen, ist extrem spannend. Bereits Jahre vor Erscheinen haben Sie dem damaligen künstlerischen Leiter mitgeteilt, dass Sie dieses Buch gerne illustrieren möchten. Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie als Künstler an den Verlag herangetreten sind und warum ausgerechnet mit diesem Titel?

Das erste Mal habe ich von Der Krieg mit den Molchen als 15-Jähriger erfahren. Das Buch ist in der DDR 1956 das erste Mal nach dem Krieg erschienen. Als ich zur Oberschule ging, hatte der Aufbau-Verlag ein kleines Ankündigungsblatt, den Bienenkorb. Darin wurde unter anderem mit der Szene im Londoner Zoo geworben, eine der witzigsten im Buch. Mich hat dieser Auszug damals derartig beeindruckt, dass ich den Text unbedingt illustrieren wollte.
Schon als Jugendlicher habe ich ziemlich viel gezeichnet. In der DDR war es jedoch üblich, dass die Verlage an die Künstler herantraten. Der künstlerische Leiter eines Verlags wählte aus, welcher Text zu wem passte. Der Krieg mit den Molchen war das einzige Buch, mit dem ich auf den Verlag zugegangen bin. Es war zuvor bereits in hohen Auflagen erschienen. Soweit meine Kenntnis reicht, ist es in der Bundesrepublik wohl Opfer des Kalten Krieges geworden, aber in der DDR war es sehr bekannt und dementsprechend war es für den Verlag nicht einfach, zusätzlich noch eine illustrierte Ausgabe zu veröffentlichen.
Den ersten Anlauf habe ich 1974 gemacht. Meine unter großem technischem Aufwand erstellten Probe-Illustrationen und typografischen Vorschläge blieben im Verlag aber zunächst liegen. Ende der 70er Jahre kündigte der künstlerische Leiter an, dass wir den Titel umsetzen werden. Ich habe dann mit meiner Arbeit von neuem begonnen, denn das zunächst vorgeschlagene Format war zu klein gewählt. Besonders gereizt hat mich an diesem Titel, dass er eine geniale Parabel ist. Durch den pseudodokumentarischen Aufbau, die verschiedenen Facetten und Stilmittel kann es im Gegensatz zu den meisten Romanen mit Illustrationen angereichert werden, die Sinn bringen.
Damit ist es ein Solitär der Literatur. Über 100 Illustrationen, verschiedene Vorlagen in unterschiedlichen Größen, habe ich 1980 also abgeliefert. In der DDR gaben die Druckereien das Tempo für die Publikationen vor. In aller Regel vergingen von der Abgabe eines Manuskripts mit Illustrationen bis zum Erscheinen etwa zwei Jahre, bei Romanen war die Zeitspanne manchmal etwas kürzer. In diesem Falle lag es sechs Jahre im Verlag, sodass es letztlich – auf Drängen der Druckerei – knapp vor Torschluss der DDR produziert wurde.

 

Es ist schwer vorstellbar, welch großer finanzieller und zeitlicher Aufwand in Satz und Druck eines solchen Buches steckt…

Ja, das Buch hätte sich ein westdeutscher Verlag gar nicht leisten können. Es wurde mit acht Farben gedruckt, darunter zwei Sonderfarben und vor allem auch mit zweimal Schwarz. Letzteres geschah, weil die kleinen Schriftzüge an den Illustrationen im Offset-Druck nicht zu realisieren waren. An dieser Stelle musste der Film geschnitten werden und die Kanten vom Film hätten nicht retuschiert werden können.
Im Reprint konnte man es natürlich mit vier Farben realisieren. Das Ultramarin-Blau und der Ockerton sind nun aufgerastert. Da es zum damaligen Zeitpunkt den Computersatz selbstverständlich noch nicht gab, sind alle Sonderschriften zunächst sind im Bleisatz abgesetzt worden, auf Kunstdruckpapier, und dann reproduziert worden, um anschließend als Film wieder eingesetzt zu werden. Außerdem habe ich die Stauchung von Schriften angewendet, eigentlich eine gestalterische Todsünde, aber im Falle der Pseudo-Dokumente hielt ich es für legitim.

 

 

Insgesamt erstreckt sich die Arbeit an Der Krieg mit den Molchen über ein Jahrzehnt. Wie viel Provokation steckt in diesem Titel?

Der künstlerische Leiter ist bei der Abgabe des Titels kurz blass geworden. Auf einem der Blätter ist nämlich die Mauer ganz deutlich erkennbar, die im offiziellen Sprachgebrauch der DDR überhaupt nicht existierte. Damals wurde ein sogenanntes Signal, also ein ungebundenes, aber bereits gefalztes Exemplar des Buches, für den letzten Eingriff an den Verlag geschickt. Bei gravierenden Fehlern konnte der Verlag noch Änderungen vornehmen. Der Ausstattungsleiter vom Aufbau-Verlag hatte besagte Illustration mit der Mauer unbedingt entfernen wollen, um nicht das gesamte Projekt zu gefährden.
Ich habe nie in Erfahrung gebracht, ob er es letztlich einfach vergessen hat oder ob er sich bewusst dazu entschieden hat, es nicht zu entfernen. Dieses Signal habe ich zufällig in Händen gehalten und genau an der Stelle, an der das Blatt mit der Mauer war, fiel es beinahe auseinander. Der gesamte Verlag hatte wohl danach gesucht. Nach Erscheinen wurde über diese Provokation jedoch nie mehr geredet.

 

Wurde der Titel auch inhaltlich bearbeitet?

Es gibt mehrere Übersetzungen. Für meine Arbeit lag mir die erste Ausgabe von 1956, übrigens in Leinen gebunden, mit einem Preis von 2,95 Ost-Mark vor. Später nutzte ich auch eine neuere Übersetzung und Ausgabe vom Aufbau-Verlag und stellte fest, dass zwei der Pseudo-Dokumente in der ersten Ausgabe fehlten – unter anderem der Aufruf der Kommunistischen Internationalen an die Molche. So etwas war in der Ulbricht-Zeit politisch inakzeptabel und konnte natürlich nicht abgedruckt werden.
An die Cheflektorin wandte ich mich mit meinem Anliegen, das nach Möglichkeit der gesamte, umfangreiche Anmerkungsapparat, der Čapeks Quellen darlegte, gestrichen werden sollte. Dass es zum Beispiel den Insulaner-Stamm wirklich gab. Oder die zwei Redakteure in Prag reale Vorbilder hatten. Das waren Informationen, die meines Erachtens für niemanden mehr von Interesse waren. Stattdessen fand ich es wichtig das Erscheinungsjahr vorn im Titel zu vermerken. Ich habe übrigens auch das Inhaltsverzeichnis nach vorn gelegt, um diese Pseudo-Dokumentation wie eine Art Sachbuch zu behandeln. Um festzustellen, ob die letzte Übersetzung beim Aufbau-Verlag wirklich komplett war, hat das Lektorat die Kontakte zu Prager Kollegen genutzt. Die haben in der Prager Nationalbibliothek die Erstausgabe ausgeliehen, über die Grenze gebracht und mir in die Hand gedrückt. Ich konnte zwar kein Tschechisch, aber dennoch vergleichen, ob alle Absätze enthalten waren. Und es stellte sich heraus, die Übersetzung war, was die Absätze betraf, vollständig.

 

Die erste Reaktion bei der Büchergilde war, dass es sich bei Der Krieg mit den Molchen um ein Kultbuch handelt, das unbedingt wieder aufgelegt werden muss. Welche Relevanz hat das Buch in Ihren Augen heute noch?

Dieses Buch passte immer. Es ist die große Parabel auf die menschliche Gesellschaft, die eine Sache anrichtet und das von ihr geschaffene Unheil nicht mehr in Ordnung bringen kann. Das Muster hat sich nicht geändert. Der Krieg mit den Molchen ist Čapeks großer Wurf und dummerweise in der Bundesrepublik wohl wenig rezipiert worden. Genauso wie seine Romantrilogie, Hordubal, Der Meteor und Ein gewöhnliches Leben – damit hat er zum Beispiel Stilmittel von Max Frisch vorweggenommen.

 

 

Wo befinden sich die Originale heute?

Viele befinden sich in meinem privaten Archiv, einige sind selbstverständlich verkauft worden. Anfang der 1990er Jahre meldete sich beispielsweise ein britischer Lord bei mir – wie ich später erfuhr, einer der vier Haupteigner des bedeutendsten Antiquariatshauses in London. Ihn hatte das Buch unter anderem deshalb begeistert, weil er in seinem riesigen Park Molche hatte. Zwischen ihm und mir entspann sich ein Briefverkehr und letztlich erwarb er einige Originale. Außerdem hatte ich eine ganze Reihe Bilder mit politischen Inhalten gemalt, eines davon erstand er ebenfalls. Zugehörig zur britischen Militärverwaltung in West-Berlin hatte er auch einen thematischen Bezug zu meinem Schaffen. Bundesbürger hatten ja häufig keine Idee von der DDR, sofern sie keine Verwandten dort hatten. Ein Bekannter von ihm hat also das einen Quadratmeter große Bild im Flugzeug mitgenommen, um den Zoll zu umgehen. Wir haben im Anschluss dann noch des Öfteren geschrieben und die letzte Nachricht vom Lord drehte sich um einen gezielten Einbruch in seinem Londoner Haus, bei dem es die Diebe hauptsächlich auf seine Bücher abgesehen hatten. Seiner Sammelleidenschaft war mit diesem Ereignis ein Ende gesetzt worden. Und die Diebe hatten unter anderem auch das Polit-Bild mitgenommen, weil sie es wohl für wertvoll hielten. Das Bild ist also verschollen.

 

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