Von falschen Vögeln und wahren Legenden

Ein Pappaufsteller, an den unterschiedliche Vogelzeichnungen geheftet sind, steht neben einem Globus.

 

Reportage über Paradies der falschen Vögel

 

Will man von der Herkunft der falschen Vögel erzählen, so muss man die Uhren zunächst weit zurückdrehen und sich in das Jahr 1900 begeben. Bereits am frühen Morgen des 25. Dezember lagen allerorten in Nordamerika Laien auf der Pirsch und unternahmen ausgedehnte Streifzüge durch die Natur. Die Männer waren auf der Suche nach Vögeln aller Couleur, ihre zahlreichen Entdeckungen hielten sie auf Papier fest.

Rund 18500 Tiere bekamen sie dabei zu Gesicht, die sie wiederum rund 90 Arten zuordnen konnten. Grund für die Zählungen war die Angst um schwindende Vogelpopulationen – die Jahrhunderte andauernde Jagd auf das wilde Federvieh, zuletzt insbesondere um die Weihnachtszeit, forderte ihren Tribut. Der sogenannte „Christmas Bird Census“, ausgerufen von dem Ornithologen Frank M. Chapman, findet seit jeher jährlich statt, heute unterstützt von der National Audubon Society. Die unzähligen Teilnehmer dieser Zählungen decken weit größere Gebiete ab, als Ornithologen allein je bewältigen könnten, und ihre Aufzeichnungen sind bis zum heutigen Tag von ausgesprochen großer Relevanz für die Forschung.

 

Doch selbstverständlich machte nicht jeder als Vogelkundler und Hobbykünstler eine gute Figur. Vermutlich ist dies einer der Gründe, warum sich gerade unter den frühen Skizzen um die Jahrhundertwende auch Vögel finden, deren Existenz nahezu unglaublich erscheint. So zeichneten die Laien jahrein, jahraus jede Gestalt, die einen Schnabel hatte und aus der Ferne auch nur ansatzweise als zur Spezies zugehörig ausgemacht werden konnte. Völlig gleich, ob das Tier flog, kroch oder Federn hatte. Zum Teil ergänzten mehr oder minder aufschlussreiche Texte die Skizzen. Wie sah der vermeintliche Vogel aus? Welche Geräusche machte er? Und was konnte man über seine Lebensweise sagen? Große Forscherteams nahmen sich, viele Jahre später, dieser Beschreibungen an und versuchten ihrerseits, die Tiere wiederzufinden und die Sichtungen der Laien zu verifizieren.

 

Verschiedene Exemplare ausgestopfter Vögel stehen dicht gedrängt in einem Schaukasten.

 

Auf Schnepfenjagd

Ob Monika Aichele nun die falschen Vögel gefunden hat oder die falschen Vögel Monika Aichele gefunden haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vieles von dem, was man über die Arbeit an ihrer Ausgabe von Paradies der falschen Vögel schreiben könnte, gründet auf fast verblichenen handschriftlichen Aufzeichnungen – entstanden in Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders – oder Augenzeugenberichten aus zweiter, dritter oder gar vierter Hand. Für Monika Aichele selbst steht jedoch fest, dass die einst vollständige Vogelenzyklopädie aus dem Besitz von Lydia Guiscard stammen muss, von der Wolfgang Hildesheimer im Paradies der falschen Vögel zu berichten weiß. Sie geht davon aus, dass Guiscard das Buch aus Schottland mitbrachte, wo sie sich häufig und mit großem Eifer auf die Jagd nach Schnepfen und außergewöhnlichen Souvenirs begab. Es heißt sogar, dass sie einige ausgestopfte Exemplare und Skulpturen dieser unfassbaren Vögel besaß. Wohnsitz der Tante und Ort vieler Stelldicheins mit dem genialen Kunstfälscher Robert Guiscard war ein Landhaus im gotischen Stil, das ein Kuriositätenkabinett beherbergte und in den 50ern und 60ern ein äußerst beliebtes Busreiseziel war.

In jener Zeit war auch Monika Aicheles Großmutter mütterlicherseits (oder, denn an dieser Stelle herrscht Uneinigkeit in der Familie, war es vielleicht doch die Großmutter väterlicherseits?) häufig vor Ort, um Stunde um Stunde durch die skurrile Sammlung zu streifen. Private Aufzeichnungen in alten Kochbüchern zeugen von diesen Reisen, zu denen sich damals Schaulustige aus aller Welt aufmachten. So heißt es in einem ihrer handgeschriebenen Kochbücher neben dem Rezept für Ochsenschwanzsuppe: „Hervorragenden frischen Pfeffer auf Reisen erworben, passt auch vorzüglich zu Falscher Hase. Kleiner Laden gleich neben dem Haus der Guiscards.“ Oder einige Seiten weiter, gleich neben dem Rezept für Kalten Hund: „Statt der üblichen lieber Butterkekse von Hans Freitag verwenden. Tipp von Frau Rivery, Empfangsdame im Kuriositätenkabinett der Guiscards, erhalten. Gäste waren begeistert.“

 

Ein Pfarrer sitzt an einem Tischchen neben einem Altar und schaut aus dem Fenster.

 

Als das Haus später zu einem Knabenheim umgebaut wurde, mussten die Kuriositäten in eine benachbarte Scheune umziehen. Danach verliert sich ihre Spur. Obwohl das Interesse der Öffentlichkeit an Lydia Guiscards Nachlass in den letzten Jahren wieder erheblich zugenommen hat, wurden bisher keine Versuche unternommen, die Überreste aus jener Zeit zu finden. Selbst der genaue Standort ihres Hauses ist heftig umstritten, seit große Teile der Bebauungspläne einem Einsturz des Stadtarchivs zum Opfer fielen. Lediglich ein altes Kirchenbuch könnte mehr verraten, es wird allerdings vom örtlichen Pfarrer unter Verschluss gehalten. Die Enzyklopädie über seltene gefiederte Lebewesen blieb jedoch nicht vor Ort, um dem nagenden Zahn der Zeit zum Opfer zu fallen, sondern soll als Abschiedsgeschenk von Lydia an Philip Roskol, seines Zeichens ein bekannter Experte für frühbyzantinische Vasenmalerei, nach St. Ignaz gekommen sein. Ob Lydia ihm jedoch das Original überließ oder ob es sich bei dem Buch, beabsichtigt oder nicht, um ein von Robert Guiscard fachmännisch erstelltes Faksimile handelte, kann nicht abschließend geklärt werden.

 

Östlich des Central Parks

Es war einer dieser raren samstäglichen Streifzüge durch New Yorker Antiquariate, auf dem Monika Aichele schließlich Fragmente der um die Jahrhundertwende entstandenen Vogelzeichnungen entdeckte. Zuvor hatte sie bei Schaller und Weber Maultaschen gekauft und war einige Zeit durch den Central Park geschlendert, als es sie – zunächst auf der Suche nach einem historischen Sushikochbuch (ein japanisches Regierungsdokument erwähnt Sushi bereits im Jahr 718, sofern man Wikipedia Glauben schenken darf) – in ein imposantes Ladengeschäft östlich des Parks zog. Hier entdeckte sie einzelne Blätter eines Werkes, dessen Umfang sich laut Aicheles Einschätzung auf rund 500 Seiten belaufen haben könnte. Wie die Loseblattsammlung über den großen Teich kam, bleibt ungewiss. Im darauffolgenden Herbst fand Monika Aichele drei Holztafeln in einem Karton, abgestellt an der Ecke South 3rd und White in Williamsburg, Brooklyn, die der Sammlung Guiscard zugerechnet werden. Darunter der berühmte Tennissocken-Truthahn. Kurze Zeit später konnte sie bei einem Thanksgiving Dinner die Experten Christoph Niemann, Thomas Fuchs, Georg Thiersch und Riccardo Vecchio überzeugen, sie bei der Restaurierung des Tennissocken-Truthahns zu unterstützen. Dieses mittlerweile in der Sammlung F. und T. Fischermann in Rio de Janeiro befindliche Werk soll in einer nachfolgenden Ausgabe mit weiteren Tafeln im Querformat veröffentlicht werden. Informierte Kreise berichteten sogar, dass ein eierförmiger Kunstpavillion in dem einzigartigen Kunstpark Inhotim, zwei Autostunden von Belo Horizonte in Brasilien, geplant sein soll. Ob die Bilder dort gezeigt werden, ist noch nicht klar.

 

Die Illustratorin Monika Aichele in ihrem Münchener Atelier.

 

Monika Aichele hörte von Booboo Birds, dem Goldenen Kuckuck, Cancan-Gänsen und dem Luvleehuhn: Ihre Neugier ließ sich nun nicht mehr bremsen. Sie entschloss sich, alsbald selbst Reisen auf der ganzen Welt zu unternehmen, um die noch existierenden Vögel aufzuspüren. Als eines der beeindruckendsten Erlebnisse bezeichnet sie ihren Besuch im Turrell Room des Museum of Modern Art. Unter dem Titel Meeting schuf James Turrell in den USA den zweiten aus seiner Reihe von Skyplaces: einen Ort, an dem, wie der Künstler es formulierte, der Mensch direkt auf den Himmelsraum trifft, sodass sich der Himmel nicht mehr länger irgendwo dort draußen befindet, sondern sich vielmehr unmittelbar mit dem Menschen verbindet. Dem geneigten Betrachter zeigt die mehrere Quadratmeter umfassende rechteckige Öffnung den mal strahlend blauen, mal wolkenverhangenen und düsteren Himmel plötzlich so nah, als könne man ihn tatsächlich berühren. Unter dem Eindruck des Turrell Room erscheint jedes Flugzeug, das den Himmel durchzieht, wie eine Sensation. Und ganz nah an den Fliegern, deren Anblick selbst die am Boden Gebliebenen sehnsüchtig in die Ferne schweifen lässt, kann der aufmerksame Beobachter zuweilen auch die besonderen Lotsenvögel entdecken. Die Tiere, die bislang noch nie von Forschern am Boden gesichtet werden konnten, reinigen Flugzeuge von Speiseresten und Ausscheidungen. Versuche, Lotsenvögel auch für die Bordreinigung einzusetzen, scheiterten bislang an der nie erteilten Landeerlaubnis.

 

Innehalten mit Ansage

Monika Aichele reiste außerdem unter anderem nach Stackelitz in Sachsen-Anhalt, nach Mexiko, auf die kleine Insel Hiddensee, ins Sauerland und an diverse Tümpel dieser Erde, um Fontänenvogel, Kettenhemdkauz und Kanzelschwammbrüter in der freien Wildbahn beobachten zu können. Unterwegs zu sein, so sagt die Künstlerin, das sei „Innehalten mit Ansage“. In einer fremden Umgebung müsse man sich zwangsläufig neuen Aufgaben stellen, man werde entschleunigt, ohne sich dagegen wehren zu können. Das sei ein wahrer Schub für die eigene Kreativität. Unterwegs sammelte die Illustratorin auch Federn und Eier der raren Vögel. Die kostbaren Funde würde sie gerne dem Museum für Vogelkunde in Procegovina zuführen – leider war das Land jedoch nur in einem einzigen Atlas verzeichnet, die meisten Exemplare dieses Buches sind heute verschollen. Gerne würde sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen und freut sich daher über jegliche Unterstützung bei der Suche nach dem Mikrostaat. Gemeinsam mit einem hochkarätigen Forscherteam vertiefte Monika Aichele den spannenden Einblick in die Vogelforschung und schuf so die kunstvollen Bildtafeln, die existierende und ausgestorbene Arten, kleine und große Populationen rund um den Erdball zeigen und die nun Hildesheimers Werk von 1953 begleiten. Eine Definition für den Begriff der Kunst zu liefern, dazu ist Monika Aichele laut eigener Aussage nicht in der Lage. Aber Kunst, das sei für sie all das, was ihr ein neues Gefühl, einen neuen Einblick liefere, den sie noch nicht kenne. So wie die Geschichte um das Paradies der falschen Vögel.

 

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