Nichts als Wasser

Magazinbeitrag zu Anna Sterns Kriminalroman Der Gutachter

Täglich werden in Deutschland zwischen 250 und 300 Personen als vermisst gemeldet. Die meisten von ihnen tauchen sehr bald wieder auf – nicht so bei Anna Stern. Mit Der Gutachter hat sie einen behutsamen und leisen Kriminalroman geschrieben, der im Milieu der Berufsfischer dem Verschwinden eines Gutachters nachspürt.

Ein Mann führt ein akustisches Tagebuch. Neunzig Minuten, an jedem Tag, notiert das Datum auf Kassette und Hülle. Ein Gutachter, der den ökologischen Zustand eines Sees beurteilen soll und mit seinem Urteil das Schicksal von Berufsfischern aus der Region besiegeln könnte, führt nicht nur ein Arbeitsprotokoll, sondern macht sich auch privat Notizen voller scheinbarer Belanglosigkeiten. Und plötzlich verschwindet der Gutachter spurlos.

Die Ermittlungen um sein Verschwinden kommen nur schleichend in Gang. Von seiner Ehefrau als vermisst gemeldet, scheint es sich zunächst um einen Fall von freiwilligem Untertauchen zu handeln. Ein unauffälliger Mann, der eines Tages beschließt, aus seinem Leben Reißaus zu nehmen, alle Sicherheiten hinter sich zu lassen. Für den zuständigen Polizeibeamten Paul Faber ist der Sachverhalt nicht ungewöhnlich, übertriebene Sorge scheint fehl am Platz. Erst als Frau H. zögerlich äußert, dass es auffällige Spritzer im Büro ihres Mannes gebe, Blutflecken womöglich, wird eine bundesweite Fahndung eingeleitet.

Anna Sterns Kunst liegt nicht nur darin, ihrem liebsten Element, dem Wasser, ebenso poetisch wie eindringlich zu begegnen. Sie versteht zudem, ihre Protagonisten so bodenständig, ehrlich, nachvollziehbar zu zeichnen, dass der Leser an keiner Motivation und keinem emotionalen Ausdruck zweifelt. Ob nun Paul Faber, den eine schwere Erkältung erwischt hat, sich angesichts seiner Ermittlungen über die Verunreinigungen des Grundwassers dazu entschließt, keine Medikamente zu nehmen. Oder Frau H., die sich, besorgt um ihren Ehemann, mit allen Kräften bemüht, ihrer Tochter ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Und Paul Faber derweil im Wohnzimmer der Familie bei einem Stück Apfelkuchen herausfinden will, warum sie ihm Details zur letzten Unterhaltung der Eheleute beharrlich vorenthält. Bis zur letzten Seite ist dieser Roman von sprachlicher Klarheit. Und obwohl oder gerade weil nichts Schlag auf Schlag passiert, rechnet der Leser immer mit dem Schlimmsten. Im scheinbar beschaulichen Alltag am See liegen das Unmögliche und das undenkbar Grausame verborgen.

Bereits zu Beginn des Krimis schaltet sich eine zweite Erzählerfigur in das Geschehen ein, deren Identität lange im Dunkeln bleibt. Handelt es sich um den Täter? Oder gar um den Gutachter selbst? Von den Geschehnissen wie paralysiert, steht der Unbekannte in einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Situationen, die eine Eskalation beinahe herbeischreien, ziehen an ihm und dem Leser vorüber. Aufregung und Hysterie sucht man in Der Gutachter vergebens. Vor dem Hintergrund einer idyllischen Szenerie, in die der Leser eintauchen möchte, sehen sich Anna Sterns besonnene Protagonisten der vielleicht schlimmsten Bedrohung ausgesetzt: einer ungewissen, die unter der Oberfläche schwelt.

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