Luziferin und Mandrillaffenpigment

Magazinbeitrag zu Martin Suters Roman Elefant

Ist ein leuchtender Mini-Elefant Grund genug, um das Trinken endlich dranzugeben? Für den Obdachlosen Schoch in Martin Suters neuem Roman Elefant stellt sich diese Frage gleich mehrfach. 

 Von einer Halluzination auf Entzug kann wahrlich nicht die Rede sein, dafür ist Schochs Drehrausch viel zu präsent: Aus heiterem Himmel steht ein winzig kleiner Elefant in seiner Schlafhöhle. Doch damit nicht genug, das Tier mit seiner rosafarbenen Haut, intensiver als die jedes Marzipanschweinchens, leuchtet im Dunkeln. Zu Beginn hält Schoch ihn noch für ein Kinderspielzeug – doch der kleine Elefant bewegt sich.

Elefant heißt er auch, der neue Roman des Schweizer Autors Martin Suter, der mit jedem Werk völlig neue Wege beschreitet und dabei immer genau die richtigen Fragen stellt, die seine LeserInnen zutiefst berühren. Dieses Mal geht es um Verantwortung, für sich und für andere. Um Grenzen, selbst auferlegte und moralische. Und um den Einfluss des Zufalls auf unser Leben.

In seinem Roman begibt sich der Zürcher Schriftsteller unter anderem in das Milieu der Wohnungslosen. Hier begegnen wir dem schweigsamen Schoch, einem Mann mit einer unausgesprochenen Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Seine Schlafstätte, das „Fluss-Bett“, hat er von einem Kumpanen geerbt, der während eines Alkoholentzugs sein Leben verlor. Ein Umstand, der Schoch dazu veranlasst hat, niemals mit dem Trinken aufhören zu wollen. Eigentlich.

Wärme sucht Schoch irgendwo zwischen der schmucklosen Morgensonne, einem Café, dessen Wände mit unzähligen frommen Sprüche tapeziert sind, die sich nur ertragen lassen, weil der Kaffee besonders billig ist, dem Treff-Treff, wo es neben einer warmen Mahlzeit auch Waschmaschinen und Duschen gibt, und dem AlkOfen, in dem jeder Besucher zum Abendessen sein mitgebrachtes Bier trinken darf. Hier treffen sich, so Schoch, die ganz hoffnungslosen Fälle, die keiner mehr zu missionieren versucht. Wenn das Wetter es zulässt, sitzt er aber am liebsten bei den „Hündelern“, obwohl er Hunde eigentlich gar nicht ausstehen kann. Und doch schätzt er die Gesellschaft ihrer Herrchen und die Tatsache, dass er hier immer ein Dosenbier bekommt, auch wenn er selbst keinen einzigen Rappen mehr beisteuern kann.

Was ihn bewegt und woher Suters Protagonist kommt, davon erfahren wir lange nichts. Wir wissen nur, dass er zuweilen Anzugträger auf den Straßen wiedererkennt – aus seinem früheren Leben – und ab und an auch eine Frau im Kostüm, die vorbeihetzt. Er selbst, um mehrere Kilo leichter und verlebt, bleibt unerkannt. Zugehörig fühlt sich dieser Mann an keiner Stelle, eine Rückkehr will er nicht, und Hoffnung auf Besserung scheint es nicht zu geben. Als Schoch nun dieser sonderbare Elefant zuläuft, dessen Existenz er für schier unmöglich hält, verändert sich sein innerer Antrieb grundlegend.

Plötzlich ist da ein Lebewesen, für das er die Verantwortung trägt. Das Tier ist in einem schlechten Zustand, und so bringt Schoch es zu der Tierärztin Valerie, die sich sonst ehrenamtlich um die Vierbeiner der „Hündeler“ kümmert. Herkunft der außergewöhnlichen Farbe und der absonderlichen Größe des Elefanten sind für die Ärztin sofort eindeutig: Bei dem fluoreszierenden Tier handelt es sich um ein Genexperiment. Seinem Schöpfer wäre der Nobelpreis sicher, das steht außer Frage. Und damit ist der Elefant in großer Gefahr und bei dem Obdachlosen, so entscheidet Valerie kurzerhand, definitiv in den besseren Händen.

Zur selben Zeit sucht ein nahezu manischer Genetiker nach seinem bislang größten Erfolg: Es scheint, als hätte der Elefantenpfleger des Zirkus unmittelbar nach der Geburt des Elefanten das Tier gestohlen. Ein riskantes Versteckspiel beginnt … 

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