Das Spiegelbild der Kulturen

Theresa Schwietzer sitzt auf ihrem Sofa und berichtet von der Arbeit an ihrem Buch für die Büchergilde Gutenberg.
Künstlerportrait über die Hamburger Illustratorin Theresa Schwietzer

Wir klingeln an der Tür eines rot verklinkerten Hauses im Nordosten Hamburgs. Der Wind weht um unsere Nasen und der Regen tropft von denselbigen. Drinnen erwartet uns nicht nur eine Tasse Tee, sondern die Entstehungsgeschichte eines Buches, dessen Thema uns alle angeht: Theresa Schwietzer erzählt von Ein Blick auf die andere Seite.

Es ist eine Geschichte von Sperrholzspänen, fremden Kulturen und einer Trauerrede. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine junge Frau, die sich selbst weder als religiös noch als spirituell bezeichnet. Ein Gespür für Totenrituale und Welterklärungsmodelle hat sie dennoch entwickelt. Die Hamburgerin hegt ein großes Interesse für Wissenschaftsillustration – für das Visualisieren, Erklären und Vergegenwärtigen.

 

Theresa Schwietzer hat selbst keine Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Ein gewisser Pragmatismus entspricht ihrem Wesen eher, gibt es doch so viel im Hier und Jetzt, was sie umtreibt. Antworten sucht die Illustratorin nicht bei einem höheren Wesen, lediglich manch eine Fantasiegeschichte über die Zeit nach unserem irdischen Leben findet sie romantisch. Da wäre zum Beispiel Philipp Pullmanns Beschreibung in Das Bernstein-Teleskop: Der verstorbene Mensch schreitet durch eine Pforte und zerfällt augenblicklich zu Staub. Was von ihm bleibt, wird Teil des Kosmos, der Unendlichkeit.

 

In unserer Gesellschaft tritt mehr und mehr der Glaube an Wissenschaft, Selbstoptimierung oder Wohlstand an die Stelle von Religionen. Nichtsdestrotrotz halten sich starke Traditionen in unserem Leben, insbesondere an Scheidewegen, wie die Beerdigung unserer Angehörigen auf oft christlichen Friedhöfen.
So auch im Falle der geliebten Großmutter, die vor einigen Jahren verstarb. Die Beerdigung war klassisch, ohne besondere Vorkommnisse, und doch wirkte dieses Ereignis nach. Denn im Gegensatz zu den anderen Anwesenden wurde Theresa Schwietzer unmittelbar die Anonymität der Trauerfeier bewusst. Ein fremder Mensch in Gestalt eines Geistlichen hielt eine in ihren Ohren banale Rede über die Frau, die in ihrem Leben eine so große Rolle gespielt hatte. Jedes Detail dieses Nachmittags, vom Einzug in die Kirche bis zum Kaffeetrinken, wirkte beliebig.

 

Dabei, so sagen Ethnologen, ist die Art und Weise, wie wir mit unseren Toten umgehen, immer ein Spiegelbild unserer Kultur. Was also sagt die Unentschlossenheit unserer Rituale über unsere Gesellschaft aus? Und empfindet überhaupt die Mehrheit der Menschen diese Entkopplung der Alltagsrealität von unserer Trauerkultur? In den Augen ihrer Familie sei die Feierlichkeit ergreifend gewesen, daran hegt Theresa Schwietzer keinen Zweifel. Ihr Unbehagen habe sie für sich behalten und es sei erst mit der Themenauswahl für die Bachelorarbeit wieder präsenter geworden. Ein gesellschaftlich relevantes Thema wollte sie bearbeiten, eines, zu dem möglichst viele Menschen einen Zugang finden können.

 

Dass die Naturreligionen mit ihrem intuitiven Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens schon bei der Recherche sehr präsent waren, liegt nahe. Sind sie doch von der Moderne entweder nahezu unberührt geblieben – so zum Beispiel im Amazonas-Gebiet – oder haben nach dem Ende der Kolonialherrschaft wieder Einzug in das Leben der Menschen gefunden. Eine Rückbesinnung auf alte Werte und Traditionen nach den Zeiten des Religionszwangs: So hat auch der Voodoo in Haiti wieder an Bedeutung gewonnen, ein Ausdruck für die Kraft der Gedanken. Denn, so Schwietzer, der feste Glaube an etwas bewege die Menschen und könne so manch reales Hindernis aus dem Weg schaffen. Auch im Christentum, im Zusammenhalt als Teil einer Gemeinschaft, sehe sie trotz aller persönlichen Kritik auch viel Positives.

 

Am Arbeitsplatz der Künstlerin finden sich verschiedenen Utensilien für die Holzschnitttechnik, darunter eine Bürste, Messer, Pinsel, ein Silberlöffel, Stifte, Zeichnungen und eine Holzplatte.

 

So wie Natur und Glaube in den porträtierten Religionen eine holistische Einheit bilden, laufen auch Typografie und Illustration bei Theresa Schwietzer im Gleichschritt. Ein Blick auf die andere Seite liegt ein Storyboard zugrunde – jede einzelne Seite ist illustriert und choreografiert. Für das Zusammenspiel aus Holzschnitt und Illustration wird der Gedanke zur Skizze, die Skizze zur Vorlage für die mit Linolfarbe bestrichene Sperrholzplatte. Mit professionellen Messerchen schnitzt die studierte Illustrationsdesignerin kunstfertig das Motiv in die Druckplatte. Das beeindruckt umso mehr, weil sie sich diese Technik autodidaktisch angeeignet hat. Beim ersten Uniprojekt riet der Professor ihrer Arbeitsgruppe zu hartem, maserigem Holz. Kurzerhand wurden Planken aus dem Keller eines Kommilitonen verwendet, die nur mit Hammer und Meißel bearbeitet werden konnten. Eine Anekdote von den Anfängen, mit der ihre heutige Arbeit nur noch wenig gemein hat. Doch der Einsatz wurde belohnt – die damals entstandenen Illustrationen sind in Helden der Kindheit, einer Veröffentlichung der Büchergilde Gutenberg, zu sehen.

 

Heute hat sie ihre Technik perfektioniert, weiß, dass die Wahl des Papiers einen entscheidenden Einfluss auf die Beschaffenheit des Drucks hat. Doch nicht nur die Papierstruktur, auch das Medium ist bedeutsam: erstaunte Blicke, als Schwietzer zwei Gegenstände aus dem Regal zieht, um den Arbeitsprozess zu veranschaulichen. So kann das Papier mit einem Löffel glatt gestrichen werden, wodurch Druck und Farbe sich gleichmäßig verteilen. Eine Alternative ist die Haarbürste. Das Ergebnis wird offener, unregelmäßig, hat durch Einschlüsse einen besonderen Charakter. Zuletzt wird dem Holzschnitt eine Illustration hinzugefügt, die Komposition wird komplettiert.

 

Bei ihrem Projekt, für das die Illustratorin zu vier Kulturen dieser Erde recherchierte, stand immer die Auseinandersetzung mit der Bestattung im Vordergrund. Am meisten berührte Theresa Schwietzer die Beisetzung im Ganges, die von vielen gläubigen Hindus noch heute praktiziert wird. Sie repräsentiert den Kreislauf des Lebens und zeigt, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. Ein Satz, der nicht selten auch auf Grabschmuck hierzulande zu lesen ist.

 

 

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